16. Oktober 2012

Die Kraft der Erneuerung

Es vergeht kein Tag an dem sich aktuell Piraten virtuell verbal nicht gegenseitig auf den Schädel hauen. Warum? Wo kommt diese vermeintlich destruktive Kraft her? Wird die Partei daran zugrunde gehen?
Meines Erachtens nein, denn in den vielen Shitstorms und Bashings drückt sich die Seele der Piratenpartei aus, der Grund warum sie gegründet wurde. Ohne es empirisch beweisen zu können, gehe ich mal davon aus, das die größte Teil der Mitglieder ebensolche geworden sind, weil sie verdammt viel Wut im Bauch haben. Wutbürger, deren Zorn sich nicht nur gegen einen Bahnhof richtet, sondern gegen die seit Jahren schleichende Vereinnahmung der Politik durch Wirtschaftsintressen und anderen, der Demokratie entgegenstehenden, Prozessen. Seit Jahren vergeht kaum ein Tag an dem man sich als normaler Bürger nicht fragt, wie schlimm es denn noch werden soll, mit der Korruption, mit den Lügen, den falschen Doktortiteln, den machtpolitischen Begehrlichkeiten, den Einschränkungen der Freiheit und der Chuzpe der Politiker, denen es inzwischen egal zu sein scheint, ob jemand ihr Fehlverhalten bemerkt oder nicht.

Die Bewegung der Piraten nun, die sich das alles nicht mehr gefallen lassen will und mit dem Slogan "Klar machen zum Ändern" in die ersten Parlamente eingezogen ist, reagiert nun verständlicherweise allergisch auf das zwangsweise Eingehen ebenjener Neuparlamentarier auf die alten Machtstrukturen und wittert hinter jedem Baum Verräter. Das gleiche gilt für Piraten, die den permanenten Wahlkampf, in dem wir uns zu befinden scheinen, effizienter zu gestalten versuchen, mit Mitteln der alten Ordnung. Verrat, Verrat, Verrat...
So einfach ist es allerdings nicht, denn auch hier gilt: 3 Menschen, 4 Meinungen. Diese unter diesen Bedingungen zusammenzubringen ist ein Kraftakt, der verdammt weh tut und das ein oder andere Opfer in Form von Parteiaustritten fordert. Aber Demokratie tut nun einmal weh, wenn man sie denn Ernst nimmt. Dem Menschen scheint es nicht gegeben zu sein aus Liebe und Freude Neues zu erschaffen. Er muss den Schmerz dabei fühlen, sonst klappt es nicht.

Die Frage, die sich stellt, ist: Darf Demokratie effizient sein? Oder anders gefragt: Heiligt der Wille die Gesellschaft zu verändert alle Mittel? Jeder, der auch nur einen Funken Verstand in sich trägt und die Geschichte aufmerksam beobachtet hat, muss dazu NEIN sagen. In einer Welt, deren höchstes Ziel die Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung ist, braucht es dringender denn je einen Gegenpol. Etwas, das die Geschwindigkeit, in der alles zu gefangen ist, ausgleicht, uns einbremst. Das können die Piraten sein, wenn sie denn nicht auf das hereinfallen, was die Generationen davor als Gottgegeben dargestellt haben und bis heute darstellen. Denk selbst - ja - aber kann man noch klar denken, wenn man rennt, wenn man es eilig hat, wenn man gewinnen will, wenn man von den eigenen Wünschen getrieben wird? Jedes Kleinkind kennt diese Buddha-Statuen, diesen Menschen, der im Lotossitz mit geschlossenen Augen die Ruhe selbst ausstrahlt und der Legende nach so die Weisheit erlangt. Das soll in Hektik und Umtriebigkeit auch funktionieren?

Der Weg, den es zu beschreiten gilt, liegt wie immer in der Mitte. Ein Stück des Weges rennen, innehalten, sich umschauen, reflektieren, Entscheidungen treffen und weitergehen. Wem, wenn nicht mir, kann man Ungeduld vorwerfen? Es ist manchmal eine äußerst nützliche Eigenschaft, aber sie ist bei der Erreichung von nachhaltigen Zielen auch arg hinderlich. Wer kann der Piratenpartei ihre Ungeduld vorwerfen? Es ist verständlich, dass diese "Bewegung der Wutbürger" die Mißstände am liebsten heute als morgen beendet säen, aber - kann man Bäume wachsen sehen? Nein, aber sie tun es...