12. Februar 2013

Jetz ma Butter bei die Fische


Intentionen sind nicht leicht anderen Menschen überbracht. Es ist ja schließlich die eigene Realität und will einem anderen erstmal vermittelt werden. Also versuche ich es hier jetzt mal einer Art Piraten-Kurzbiographie.

Tip an die eine Liste: Steine sammeln, Messer wetzen. Nacken locker machen zum heftigen Kopfschütteln. Und an die andere: Mauszeiger locker auf dem Share-Button halten

Phase 1

Ein Kollegin wollte eine Unterschrift. geht da um so eine Unterstützerliste. Is wichtig. Brauch man. Ok, da vollstes Vertrauen vorhanden war, unterschrieben und ... recherchiert was da hinter steckt. Als Sohn aus konservativer Familie, der über seine frühe Mitgliedschaft in der Jungen Union heute noch herzlich lacht, weil irgendwann das Hirn soweit war, bekam ich irgendwie Fieber. Da sprachen junge Leute quasi von einer digitalen Revolution der Gesellschaft! Passt zu einem, der selten die Schnauze halten kann, wenn ihm was gegen den Strich geht, und der leidet wenn die von-der-Leyens und Schäubles dieser Welt die Menschen für dumm verkaufen wollen ... "Das ist MEIN Internet!"

Nach Jahren der eigenen politischen Untätigkeit, ob der verkrusteten, realitätsfernen und menschenverachtenden Politik kam da eine rotzfreche Truppe und sagte "Jetzt reichts!" Rotzfrech kann ich auch und die Ideale (Freiheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, soziales Gewissen, Basisdemokratie) stimmten auch überein. Piraten beigetreten.

Phase 2

Lag der Fokus anfangs auf der Freiheit des Internets, wurde mir und anderen schnell klar, dass dies nur das Vehikel war, der Aufmacher, denn wir vermissten nicht wirklich die Freiheit des Internets (wir machten uns nur Sorgen darum), sondern ganz andere. War es im Netz Gang und Gebe mitzumachen, fehlte das in den politischen Strukturen gänzlich. Stichworte wie Bürgerbeteiligung, Ernstgenommen-werden, "Mach mit, denk selbst" wurden zur antreibenden Kraft. Das Netz machte uns vor wie es sein kann und jetzt sollte diese Freiheit in die Gesellschaft übertragen werden.

Auf unzähligen Infoständen war die Begeisterung zu spüren, den Menschen um uns herum den neuen Mitmachgedanken schmackhaft zu machen und sie von den freiheitlichen, sozial-orientierten Gedanken zu überzeugen. Manch Angesprochener blieb mehrere Stunden am Stand und machte mit. Grandios!

Phase 3

Die Berlinwahl! Der gleiche Hype, den wir im Kleinen verspürten, begann im Großen. Mitgliederwellen spülten unzählige neue Mitglieder an die Piratenstrände und ich als neuer Mitgliedsdatenverwalter in Hessen (ein Vorstands-Job ist ja auch zu wenig) stand einer Wand von Anträgen gegenüber. Wow! Jetzt rocken wir die Nation!

Euphorie wich natürlich irgendwann einer gewissen Ernüchterung, weil jedem klar sein musste, dass man hier und jetzt nicht die Welt würde retten können. Es würde noch hart werden. Einziger Trost: Einen Baum sieht man nicht wachsen, aber er tut es.

Auch die Altparteien sorgten dafür, daß wir nicht überschnappten, denn mit dem Ruf nach Programm trieben sie uns vor sich her. Sie lächelten nicht mehr über uns, sondern bekämpften uns damit sehr subtil. Wir mussten den Spagat zwischen der Erweiterung unseres Programms und der Aufrechterhaltung unserer lockeren Unbequemheit hinbekommen, für die uns die Menschen so schätzten, und das alles öffentlich.

Unser Umgang mit dem Medien zeigte erste Anzeichen der Anpassung ("Kannste so nicht schreiben, viel zu extrem"), auch wenn viele meinten, dass die Anpassungsrichtung die falsche sei: die sollten sich an uns gewöhnen und nicht andersherum. Die Presse ist kein Freund, kein Partner, da sie in ihrem Wohlsinn in keinerweise berechenbar ist und objektive Berichterstattung ist reines Anspruchsdenken.

Phase 4

Mit dem schnellen Mitgliederwachstum wurden natürlichweise auch Personen in die Partei gesogen, die keinen besonderen Sinn für die Gemeinschaft und die Ideale der Piraten hatten, sondern eine persönliche Chance witterten, denn wenn es in dem Tempo weiterging, war uns Alles zuzutrauen. Mails wie "Wenn ihr mir einen Bundestagsmandat garantiert, trete ich bei" sind einfach widerlich, auch wenn man zunächst darüber lacht. Inzwischen stellv. Vorsitzender bzw. Generalsekretär der Piraten Wiesbaden, empfand ich es als Ehre dem KV anzugehören und dabei zu sein etwas Neues aufzubauen. Punkt.

Das Zusammenbringen von unterschiedlichen Positionen wurde nun schwieriger. Nicht nur, weil auf einmal soviele davon gibt, sondern auch weil viele Mitglieder, die vielleicht zuvor lange in anderen Parteien und entsprechend geprägt sind, sich nur schwer an den Gedanken der Bottom-Up-Politik gewöhnen können, auch wenn sie der Basisdemokratie grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Immer mehr wurde an der Richtung der Partei, dem Shootingstar, herumgezerrt.

Phase 5

Frankenberg, Landesparteitag der Hessen: es wird ein neuer Generalsekratär gesucht und ich hebe die Hand, werde gewählt, denk mir 5 Minuten "Oh, jetzt bist hessischer Generalsekretär!" (Schmeichel, Schmeichel) und danach "Oh mein Gott, jetzt bist Du hessischer Generalsekretär!" (Arbeit, Arbeit, Shitstorm, Arbeit, Arbeit). Das mit der Ehre gilt weiterhin, denn ich bin halt so gestrickt. Mein Ego ergötzt sich daran etwas für die Gemeinschaft tun zu dürfen, die mich so herzlich empfangen und mir wieder Hoffnung auf Wandel zum Guten gegeben hat. Ich bin für die Piraten eine Art OpenSource-Hardware, die nichts verlangt und auf die jeder Zugriff hat, aber auch mal rumzickt.

Der Einblick in die nächste Ebene der Piratenstruktur ist weit ernüchternder, als ich zu Anfang dachte. Intrigenspielchen, Egomanen, die den Boden längst verlassen haben, und schwache Typen, die dem Lautesten hinterherrennen. Aber gut, Menschen eben. Bin da anders und meine Vorstandskollegen ebenso. Reicht mir, aber es geht nicht spurlos an mir vorbei.

Der unbedingte Wille mancher, andere zum eigenen Vorteil zu dominieren, zu diskreditieren oder gar zu feiern und zu umschmeicheln ist erschreckend und regt meinen Widerstand. Ist Ersteres für den "Angegriffenen" aufgrund der Stoßrichtung noch einigermaßen handle-bar, wenn man sich denn zur Wehr setzen kann oder Unterstützung hat, wirkt Letzteres sehr subtil auf die niederen Instinkte und ist schlußendlich noch herabwürdigender, wenn das Geschmeichel nur der Position gilt und nicht dem Menschen. Mir ist dies GSD noch nicht passiert und tue imho mit meiner Unbequemheit auch etwas dagegen, weil ich glaube das Podeste uns als Gruppe und jeden Einzelnen nicht weiterbringen.

Wie weit so manches "Spitzenpersonal" im Stillen bereits abgehoben war, wurde nun immer klarer. Es wurde immer häufiger vom ICH und weniger vom WIR geredet, obwohl Letzteres immer noch ausgesprochen wurde. Aufmerksame Beobachter wissen was ich meine. Dazu wurde dann irgendwann das WIR auch noch umgedeutet, indem das ICH in einer Gruppe namens "Frankfurter Kollegium" zusammengefasst wurde. Besser kann man mir die Unwählbarkeit nicht präsentieren.

Ich habe kein Problem mit Menschen die offen sagen, sie interessieren sich nur für sich selbst. Da dreh ich ab und gut. Die Heuchelei ist eben das Problem. Schwierig sich als OpenSource-Hardware mit Software herumzuschlagen, die nur vordergründig kostenfrei ist. Malware ist immer umsonst.

Fazit

Jetzt ist man geneigt zu denken, all das oben Beschriebene hat nicht wirklich etwas mit Politik zu tun, aber das scheint nur auf den ersten Blick so, denn Politik beschäftigt sich mit der Steuerung des Staates und der Gesellschaft und die Menschen sind da der kleinste gemeinsame Nenner. Wie wollen wir in der Gesellschaft etwas ändern, wenn wir uns von alten Verhaltenmustern bestimmen lassen?

Es ist durchaus so, dass ich den Wunsch nach Hierarchien verstehe, weil wir Menschen so geprägt sind. Es ist einfach bequem sich führen zu lassen, als selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Aber es ist für mich keine Option dies als Gott-gegeben hinzunehmen. Hierarchie muss jeden Tag hinterfragt werden, sonst macht sie sich selbstständig. Setzt man voraus, dass das Gute und das Schlechte im menschlichen Geist gleichzeitig wirken, kann Führung ganz schwer in die Hose gehen. Die Extrembeispiele dieses "Von-der-Leine-lassen" sind in unserem Land noch allzu gegenwärtig.

Ein Freund sagte einmal zu mir: "Meine Lieblingsstaatsform ist die gutmütige Diktatur" und er hat recht damit, aber eine Vision von einem weisen und gerechten König ist eben eine Vision, die allerdings sehr gut als Leitbild dienen kann. Für jeden selbst, jeden Tag. Wer keine Visionen hat, hat keine Ziele.

Dass wir uns aktuell mehr mit uns selbst beschäftigen, ist für einen Erfolg an der Wahlurne sehr hinderlich, vollkommen klar. Wenn wir es aber nicht tun, machen wir uns obsolet. Man braucht uns dann nicht. Die Wut der Bürger in Stimmen umzuwandeln funktioniert nur, wenn wir auf ihrer Seite sind und wir bewegen uns gerade von ihnen weg. Wer Ohren hat zum Hören, der höre.

Das wir in vielen Teilen noch nicht die Professionalität der Altparteien erreicht haben ist einerseits schade, wenn es um das Know-How geht, anderseits aber auch gut, weil wir dadurch dem Bürger auf Augenhöhe begegnen können, denn nur so kann ein echter Dialog und damit Wandel stattfinden.

Der Wunsch Cypher nachzueifern und mich zurück in die Matrix zu begeben, kommt manchmal, aber noch gebe ich das Experiment Piraten nicht auf, denn die Idee dahinter ist alternativlos. Wenn das bedeutet ab und an mal den Wadenbeißer zu mimen, dann soll das so sein. Das bin ich mir und der Gemeinschaft schuldig. Wenn sich die Idee diesmal nicht durchsetzt, weil das Ding von Hirn- und Seelenlosen an die Wand gefahren wird ... so what, probieren wir es halt nochmal, denn viele von uns sind gekommen um zu bleiben!

[Update 18. Februar 2013: Das Blog musste umziehen, weil der alte Betreiber Posterous den Betrieb einstellt. Leider war es nicht möglich die Kommentare umzuziehen]